21. September 2009

Mit Kürbis und Gewürztraminer in den Herbst

Zur Herbstzeit mit all ihren Düften und den vielseitigen kulinarischen und optischen Reizen gehören bei mir regelmäßig Kürbisse auf den Tisch und Gewürztraminer ins Glas. Ein indisches Chicken-Tandoori mit Butternut Kürbis und Rosinenreis begleitete ich am Wochenende mit einer trockenen 2008er Gewürztraminer Spätlese aus dem Durbacher Bienengarten vom Weingut Andreas Männle.

Ich oute mich immer wieder mal gerne als großer Fan von Weinen aus den Aromarebsorten Muskateller- und Gewürztraminer, die ich oft mit asiatischen Speisen kombiniere. Meist werden Erzeugnisse aus diesen Rebsorten mit viel Restsüße abgefüllt. Dabei ist es für die Balance wichtig, dass die Säure des Weins immer ein ausreichendes Gegengewicht zum Zuckergehalt bietet. Die Gewürztraminer Spätlese vom Weingut Andreas Männle ist allerdings absolut trocken ausgebaut und verlangt nach einer Speise, die ebenfalls nur dezent süß sein sollte.

Der goldgelbe Wein duftet in der Nase nach Noten von Litschis, Ananas und Wildrosenblüte. Im Mund präsentiert er sich sehr kraftvoll und mineralisch, mit Frische, Biss und enormer Substanz. Trotz seiner 13,5 % Alkoholvolumen nicht zu wuchtig, sondern delikat und ausgewogen. Feinwürzig im Nachhall mittlerer Länge. Ich überlege doch tatsächlich einen Moment, ob mir nicht etwas Süße fehlt… aber nein, dieser Gewürztraminer durchbricht einfach nur die Geschmackserwartung und ist somit der Gegenentwurf zu den vielen Zuckerbomben. Mehr davon!

Das Zusammenspiel mit dem Tandoori ist die perfekte Multi-Kulti-Küche und reiner Geschmacksknospen-Kamasutra. Mit der milden Schärfe und den üppigen Aromen kommt der Gewürztraminer locker klar. Die süß-saure Note des Tandoori und der nicht nur vom Namen her buttrige Kürbis bilden eine Traumkombination mit dem Gewürztraminer.

Meine Verkostungsnotizen zu weiteren Weinen vom Weingut Andreas Männle:

2007er Riesling Kabinett trocken - Dezente Nase mit Kiwi, Birne und Marzipan. Blitzsauber und konsequent trocken ausgebaut. Zeigt Biss, Eleganz, Tiefe und Mineralität. Sehr schöne Länge. Ein Kabinett par excellence!

2007er Spätburgunder Rosé - In der Nase Wassermelone, Granatapfel und Eisbonbon, feinfruchtig mit kräftiger Säure. Schlanker, frischer Charakter. Sauber gemacht, etwas kurz mit wenig Tiefe.

21. September 2009

Die Weinrallye tankt auf

Nach einer kurzen Verschnaufpause, in der ich schon um die Zukunft der Weinrallye fürchtete, gibt es nun eine Etappe für Schnellstarter. Denn schon in einer Woche sind Weine von der Tankstelle gefragt. Dann mal schnell auf´s Fahrrad und auftanken…

18. September 2009

Bildungswoche

Die vergangene Woche stand für mich ganz eindeutig im Zeichen der Bildung. Sie begann mit der Entdeckung eines lesenswerten Artikels über die Geschmacksbildung. Der ärgerliche Höhepunkt der Woche war dagegen kein Musterbeispiel in Sachen demokratischer Kultur und politischer Bildung.

Schulbildung ist nach sechs Wochen Ferien wieder ein großes Thema. Ich begleitete meine beiden Söhne bei ihrer Einschulung und durfte dort Zeremonien beiwohnen, die mich sehr berührten. Der Große kam am Dienstag auf das Gymnasium und fühlt sich jetzt auch dementsprechend groß und cool. Der Kleine ist seit Mittwoch Schüler der ersten Klasse in einer anthroposophischen Einrichtung. Ein Amoklauf an einer Schule in Bayern am nächsten Tag war da schon ein Schock und offenbarte wieder einmal die herrschende Gefühlskälte in unserer Gesellschaft. Herzensbildung tut Not!

In diesem Punkt lieferte Roger Willemsen das Highlight der Woche: Bei der Vorstellung seines neuen Buches Bangkok Noir wurde er in der 3sat-Sendung Kulturzeit gefragt, was denn wir Europäer von den Thais lernen können.

Das allgemeine Bestreben, das Wohlgefühl der Gemeinschaft zu heben, lautete seine Antwort.

15. September 2009

Frankophil mit Pinot Noir und Coq au Vin

Wenn einige badische Winzer ihren Spätburgunder auf seinen französischen Namen Pinot Noir taufen, handelt es sich in der Regel um eine besonders kostbare Essenz aus dem Keller des jeweiligen Weinguts. So auch beim Pinot Noir vom Weingut Schneider aus Weil, dem ich ein Coq au Vin zur Seite stellte.

Die Weine von Susanne und Claus Schneider vom gleichnamigen Weingut in Weil am Rhein sind konsequent durchgegoren und gelangen erst nach einer für heutige Verhältnisse sehr ausgedehnten Reifezeit in den Verkauf. Das Ergebnis sind langlebige Weine abseits der gängigen Mode, immer früher abzufüllen. Den Gutedel der Schneiders habe ich bereits vor einigen Monaten an anderer Stelle gewürdigt.

Die Trauben für den 2005er Pinot Noir aus der nach Süden steil abfallenden Lage Weiler Schlipf stammen von 30-jährigen Spätburgunderreben. Deren Ertrag wurde mit 40 Litern pro Ar stark reduziert. Nach 4 Tagen Kaltmazeration kam die Gärung der handgelesenen und sorgfältig selektierten Trauben aufgrund natürlicher Hefestämme aus dem Weinberg spontan in Gang. 21 Tage dauerte die folgende Maischegärung, für ganze 24 Monate verschwand der Jungwein in kleinen Eichenholzfässern: Etwas mehr als ein Drittel davon in neuen, die verbliebene Menge in Zweit- und Drittbelegung gebrauchter Barriques. Die Flaschenfüllung erfolgte ohne vorherige Filtration.

Der 2005er Pinot Noir vom Weiler Schlipf kommt mit ordentlich Power daher. In schwarzen Tee eingelegte Rosinen (bei mir beliebt im Hühnchen-Curry), Kakao, Waldboden und Leder sind die Noten, die sich via gustatorischer, trigeminaler und olfaktorischer Wahrnehmung in meinem Gehirn zusammenbrauen. Das Holz ist perfekt eingebunden, soll heißen: keine Barrique-Aromen, die sich plump in den Vordergrund drängeln. Das kräftige Gerbstoffgerüst lässt den Pinot Noir noch jugendlich und verschlossen wirken. Erst nach stundenlanger Belüftung entfaltetet sich die Frucht und volle Eleganz des Spätburgunders. Reifepotential für die Zukunft ist somit vorhanden. Eine echte Gaumenfreude ist der Pinot noir schon in der Gegenwart. Zum Wein auf dem Tisch: Ein Coq au vin in der roten Version, vom Elsässer Poulet Label Rouge.

Ehemals unter blauem Himmel freilaufendes Federvieh, mit viel Zeit groß gezogen, rein vegetarisch ernährt. Die Nachbarn jenseits des Rheins verstehen etwas von Geflügelzucht. Es reicht der Blick in die Kühltheke. Wer weiß in Aldiland eigentlich noch um die Existenz der Perlhühner, Wachteln und Konsorten? Ein Kapaun aus der Bresse muss es ja nicht unbedingt sein.

Oh graus, denk ich an arme, mit Power-Protein-Futter gemästete Hähnchen, die eingepfercht in Fabrikhallen, ein viel zu kurzes Leben fristen. Diese High-speed-agrar-tech-Kreaturen landen als schnöde Gummiadler viel zu oft auf deutschen Tellern…

… jetzt aber schnell wieder zu den genussvollen Seiten des Lebens. Im Schmortopf vereinigen sich, nachdem das Poulet stückweise angebraten ist: Frischer Rosmarin, Thymian, Chili, Pfeffer, Kakaopulver, eine Bouteille Spätburgunder, deren Verlust nicht ganz so schmerzt. Gewürfelte Karotten, Sellerie, Champignons, zehenweise Knoblauch, ein ganzer Haufen Schalotten und ein tüchtiger Schuss Marc vom Burgunder. Im Ofen schmurgelt das leise und bei moderater Temperatur eine Stunde vor sich hin. Viola, ein frankophiles Nachtmahl begleitet den Pinot Noir par excellence!

9. September 2009

Gutedel mal richtig edel: Aigle les Murailles

Chasselas wird der Gutedel in der Schweiz genannt und ist dort wie im Markgräflerland die meist angebaute Weissweinrebe. Auf über 5000 Hektar werden einfache Tafelweine und manche hochfeine Grand Cru erzeugt, wie etwa im Dézaley am Genfer See oder rund um Aigle im Kanton Waadt.

Die Trauben für den 2008er Aigle les Murailles vom Weingut Henri Badoux stammen von Reben aus terrassierten Hanglagen rund um Aigle, die in Höhen zwischen 415 und 658 Metern wachsen. Der Boden ist hier von Kieseln und Schiefer durchsetzt. Der Ausbau erfolgt im Stahltank und die Malolaktische Gärung ist vollzogen. Das ist in der Schweiz beim Chasselas absolut üblich, ganz im Gegensatz zur kellertechnischen Behandlung des Gutedels im Markgräflerland.

Zur Verkostung: Aus dem Glas steigen florale Noten, etwas abgeriebene Zitronenschale, Netzmelone, Birne und Banane empor. Im Mund ist der 2008er Aigle les Murailles ungemein schmelzig und rund. Mineralischer und dichter Körper, mit delikater Fruchtsüße, ausgewogen und sehr elegant, mit enormer Länge für einen Casselas/Gutedel! Macht nach dem zweiten Glas noch nicht satt und bereitet so anhaltend genussvolle Trinkfreude.

Randbemerkung: Neben den verlässlich hohen Qualitäten trug in der Vergangenheit das ansprechende Etikett sicher einiges zur Beliebtheit des “Eidächsli Wy” bei den Eidgenossen bei. So ist der Erfolg des Aigle les Murailles für mich ein Beispiel für cleveres Marketing und das spiegelt sich in den erzielten Handelspreisen wieder. Mit rund 20.- CHF, also umgerechnet etwa 13.- €, liegt der Preis um 100% höher als bei absolutem Top-Gutedel aus dem Markgräflerland. Das liegt zum einen natürlich an den höheren Produktionskosten in der Schweiz, zum anderen aber sicher auch daran, dass Chasselas dort nicht nur als leichter Zechwein bekannt ist. Das selbst ein Gutedel hochfeiner Wein sein kann und dann Speisen wie Meeresfrüchte oder Süßwasserfisch bestens begleitet, spricht sich hierzulande leider nur langsam herum.

7. September 2009

Start der Weinlese in Baden

Vor allem für den Suser wird schon seit dem vergangenen Wochenende geerntet. Der Müller-Thurgau ist in den nächsten Tagen lesereif, die Burgundersorten und der Gutedel folgen nach Lage der Dinge in etwa 3 bis 4 Wochen.

7. September 2009

Neue Gefahr durch die Reblaus?

Im 19. Jahrhundert führte die aus Nordamerika eingeschleppte Reblaus in den europäischen Weinbaugebieten zu katastrophalen Zerstörungen. Nur durch das Bepropfen auf reblausresistente, amerikanische Unterlagsreben konnten in den meisten Regionen die europäischen Kulturreben erhalten bleiben. Nun ist die Reblaus seit einigen Jahren wieder auf dem Vormarsch in den deutschen Rebgärten.

Zu den Ursachen der erneuten Ausbreitung gehören die verbesserten klimatischen Bedingungen dank Klimaerwärmung, brach liegende Altanlagen und verwilderte Amerikanerreben an den Böschungen, die den Schädlingen als ideale Brutstätten dienen. An einer Böschung am Westhang des Batzenbergs habe ich gestern diese Aufnahmen gemacht:


Die hohe Anzahl von Blattgallen deutet auf einen massiven Reblausbefall an dieser Amerikanerrebe hin.


Selbst in einer benachbarten Spätburgunderanlage zeigen sich erste Blattgallen.

Die große Gefahr ist die Möglichkeit einer genetischen Mutation der Reblaus durch oberirdische Paarung. So könnte theoretisch eine neue Generationen der Reblaus entstehen, die Geschmack an den Wurzeln der noch resistenten Unterlagsreben findet. Die Weinbauberater in den Anbaugebieten empfehlen den Winzern deshalb dringend, brachliegende Rebanlagen und Amerikanerreben in Böschungen gründlich zu roden, um eine weitere Verbreitung der Reblaus zu verhindern.

Für Wissensdurstige empfehle ich zur Vertiefung des Themas zwei Fachartikel zur Lektüre: Der Reblaus Einhalt gebieten und Zunahme von Reblausschäden an der Mosel.

4. September 2009

Rempeln um den grünen Weinberg

Nicht weil Muammar al-Gadhafi, Staatschef von Libyen, die Auflösung und Aufteilung der Schweiz bei der UNO-Vollversammlung beantragen möchte, habe ich dem Land noch schnell einen Besuch abgestattet. Die bald endende Vincent van Gogh-Ausstellung Zwischen Himmel und Erde im Kunstmuseum Basel war Ziel meiner gestrigen Tagesreise.

Vor allem das Spätwerk von van Gogh zieht mich schon seit Jahrzehnten in seinen Bann. In Basel sind viele Schlüsselwerke aus den letzten drei Lebensjahren des Malers zu sehen. Wenn man denn an sie rankommt: Die bis zum Ausstellungsende erwartete halbe Million Besucher ist schön für die Museumskasse, dem nach ruhiger Betrachtung dürstenden Kunstfreund fordert dieser Umstand dagegen einiges ab. Die Eingangshalle des Museums täuscht noch großzügige Räumlichkeit vor. Minuten später leidet der empfindliche Besucher allerdings unter Klaustrophobie. Die 70 Werke sind auf engstem Raum zusammengetragen. Der freie Blick auf das Bild muss strategisch klug erkämpft werden. Rempeleien inklusive.

Das lohnt sich. Einmal nahe genug herangekommen (nicht zu nah, denn sofort ertönt ein durchdringender Pfeifton und die Aufpasser eilen herbei), eröffnet sich dem Betrachter die ganze Welt des Vincent van Gogh: der wilde Pinselstrich, die lodernden Farben und Formen, die sich mal verdichten, mal auflösen - kurzum die orgastische Malerei eines besessenen Künstlergenies. Zu den Bilder, die mich in Basel besonders faszinierten, gehörte auch der “Grüne Weinberg” von 1888.

Nicht in der Ausstellung zu sehen ist das im selben Jahr entstandene Pendant “Roter Weinberg”. Um die Gegenüberstellung der zwei Werke nachzuholen und Wein nunmal hier im Blog das tragende Thema ist, habe ich dieses Bild angefügt.

Mit einer Flasche Schweizer Wein im Rucksack, allerdings nicht aus dem Museums-Shop, in dem es tatsächlich van Gogh-Bier und einige weitere Überflüssigkeiten gibt, trat ich die Rückreise über den architektonisch, historisch, künstlerisch und politisch bedeutsamen Badischen Bahnhof an. Im Zug glitt ich eine dreiviertel Stunde lang an grünen Weinbergen unter blaugrau verwirbelten Wolken vorbei, ganz ohne Rempeleien und mit eingehender Betrachtung.

Über die Verkostung des Mitbringsels, einen Aigle les Murailles von Henri Badoux, werde ich nach ebenso eingehender Betrachtung hier im Blog berichten. Ach ja, und wenn die Schweiz demnächst wirklich aufgeteilt wird, wäre es fein, wenn der Genfer See samt Umland Baden zugesprochen wird.