Archiv für ‘Weingeschichte’


Veröffentlicht am 19. Oktober 2009

Fremdverkorkt

Beim Öffnen einer Flasche Rotwein staunte ich gestern Abend nicht schlecht, als mein Blick auf den Aufdruck des Naturkorkens fällt: Da prangt breit und fett das Logo der Winzergenossenschaft aus einer Nachbargemeinde - der Wein ist jedoch ein Erzeugnis eines Privatweinguts aus einem anderen Ort.

Hat der Korkhersteller beim Verpacken geschlampt? Ist bei der Auslieferung ein Sack im falschen Weingut gelandet? Ein kleiner Spaß, um Kunden aufzumuntern?

Da erinnere ich mich an eine Geschichte aus meiner Lehrzeit. Beim Betriebsausflug öffnete ich eine Flasche Spätburgunder, den ich morgens nach Auftrag von einer frisch gefüllten Palette griff. Ins Glas des verdutzten Gutsbesitzers ergoss sich zur Belustigung der versammelten Belegschaft allerdings ein weißer Wein. Nur der Kellermeister lachte nicht mit, dämmerte ihm doch langsam, dass die komplette Charge falsch etikettiert wurde und sich einiges davon schon per LKW auf großer Reise befand. Shit happens!

Veröffentlicht am 14. August 2009

Die Sauvignon Blanc - Renaissance

Sauvignon Blanc liegt seit wenigen Jahren voll im Trend und die Rebflächen verzeichnen vor allem in den süddeutschen Anbaugebieten starken Zuwachs. Es handelt es sich um eine regelrechte Renaissance des Sauvignon Blanc in Deutschland, denn die Rebsorte wurde unter dem deutschen Synonym Muscat-Sylvaner schon vor mehreren hundert Jahren hier angebaut, im südbadischen Pfaffenweiler nachweislich seit 1692.

Bis zum dritten Reich war der Muscat-Sylvaner in vielen Regionen Badens im Anbau. Da Muscat-Sylvaner die bedeutendste Weißweinsorte Frankreichs war, verboten die Nationalsozialisten den Anbau in Deutschland mit der irrwitzigen Begründung, es handele sich um „Feindeswein”. So hatte der Sauvignon Blanc nach dem 2. Weltkrieg hierzulande keine Bedeutung mehr. Seit der Markt- und Konsumentenübersättigung mit Chardonnay ist die Rebsorte nun seit geraumer Zeit Trendweißwein Nummer 1 und die Anbauflächen wuchsen besonders in Baden deutlich.


Seit 1692 Sauvignon Blanc im Anbau: Pfaffenweiler im Schneckental.

In Pfaffenweiler erinnerte man sich bereits Anfang der 90er Jahre wieder an diese Rebsorte, kaufte Rebsetzlinge aus dem Loiretal und pflanzte diese auf den Rebflächen der örtlichen Genossenschaft an. Mittlerweile sind ganze 10 Hektar rund um Pfaffenweiler mit Sauvignon Blanc bestockt. Das Pfaffenweiler Weinhaus zählt in Baden zu den Topadressen unter den Genossenschaften. Das Angebot bei Sauvignon Blanc reicht vom einfachen Qualitätswein über Sekt und Eiswein bis zum Premiumwein Sancta Clara, der bei Wettbewerben und Verkostungen regelmäßig Top-Platzierungen erreicht.


Zwischen großer Oper und Punkrock: Der Sancta Clara Sauvignon Blanc

Ich verkoste den 2008er Sauvignon Blanc Spätlese Sancta Clara, der für rund 8 Euro im Handel erhältlich ist. Als erstes fällt mir der Flaschenverschluss unangenehm auf. Ein Kunststoffpfropfen wirkt einfach billig bei einem Spitzengewächs und ist so sinnlich wie eine aufblasbare Gummipuppe. Bei schlichten, jung zu trinkenden Weinen habe ich gegen die Dinger ja nichts einzuwenden, obwohl ich die eleganten Longcap-Drehverschlüsse eindeutig präferiere.

Zum Flascheninhaltinhalt: Im Glas zeigt sich der Sancta Clara mit sichtbarer Kohlensäure und in sattem Goldgelb - eine erstaunlich reife Farbe für einen so jungen Wein. In der Nase offenbart sich eine echte Wuchtbrumme. Reife Papaya, grüne Paprika, Butter, Gras … im Mund sehr breit und komplex, mit viel Extrakt, vollem Körper und beeindruckend opulentem Abgang. Die sehr expressive und süße Frucht wird von der kräftigen Säure nur mit Mühe gebändigt. Das wirkt wie ein Dirigent, der kurz davor steht, sich den einengenden Frack vom Körper zu reissen, um sich als wilder Rock´n Roller zu outen. So schwebt der 2008er Sancta Clara Sauvignon Blanc irgendwo zwischen großer Oper und Punkrock. Passende Speise: In Honig, Limonensaft, Olivenöl, Chili und Zitronenmelisse mariniertes Huhn vom Grill. Passender Song: Sid Vicious - My Way.

Veröffentlicht am 12. März 2008

Gänseblümchen zum Dessert

In den frühen 1980-er Jahren bildete ich mit ein paar Freunden so etwas wie eine lukullische Vereinigung. Wir fielen mit Vorliebe und unserem gesamten verfügbaren Kapital in die Top-Gastronomie des Münchner Umlands ein. Als Transportmittel diente ein klappriger VW-Bus, dessen Motor regelmäßig an jeder roten Ampel abstarb. Verschärft wurde dieses Problem dadurch, dass der Vierzylinder nur bei kräftigem Anschieben wieder zündete. Für das Sportprogramm bei einem Ausflug in ein mit Michelin-Sternen dekoriertes Restaurant im Voralpenland war also gesorgt.

Vor Ort gab es zwei Menus zur Auswahl: 4 Gänge für knapp 50 Mark oder 9 Gänge für rund 100 Mark. Wir entschieden uns, das große Menü mit zwei Gängen aus dem kleinen Menu zu verlängern und waren auch bei der Weinauswahl nicht knauserig.

Ich gebe zu, ich habe keinen Schimmer mehr, was wir an diesem Abend alles gegessen und getrunken haben. Genial ist es sicher gewesen. An die letzte Flasche des Abends erinnere ich mich aber noch sehr gut, obwohl ich an deren Inhalt gar nicht partizipierte. Denn zuvor hatte ich das falsche Streichholz gezogen und war nun gezwungen, mich mit Kaffee, Wasser und Eisenkrauttee zu vergnügen. Für eine Übernachtung vor Ort war unser Budget zu schmal, da wir lieber in schmackhafte Nahrungsmittel investierten. So fiel mir wegen eines zu kurzen Streichholzes die Aufgabe zu, den klapprigen Bus heimwärts zu steuern.

Bluemchen

Meine lieben Freunde zwangen sich also noch eine vorzügliche Flasche Barolo in den Hals, Käse und Dessert waren derweil längst verschlungen. Da fielen unsere verklärten Blicke auf eine kleine Blumenvase, die unseren Tisch verzierte. Der Kräuter- und Pflanzenexperte am Tisch referierte sogleich, das die darin enthaltenen Blumen durchaus essbar seien. Gesagt, getan. Ein Himmelschlüsselchen und Gänseblümchen nach dem anderen fiel der floralen Verkostung zum Opfer.

Da wir schon die Rechnung geordert hatten, betrat alsbald die Chefin des Hauses den Ort des Geschehens. Der nun folgende, kreisende Blick über die leere Blumenvase und auf unsere noch bewegten Kauleisten brannte sich sehr, sehr tief in meinem Festplattenspeicher ein.

Die Heimfahrt verlief relativ ruhig. Kaum waren wir in den VW-Bus eingestiegen, fielen meine Freunde schon in einen komatösen Schlaf. Zurück in der großen Stadt würgte ich an der ersten roten Ampel der Metropole den Motor ab. Es brauchte einige Zeit, die schnarchenden Genossen zu reanimieren. Während des Anschiebevorgangs zog eine Polizeistreife mit Blaulicht an der Szenerie vorbei und verschwand in der Nacht.

Veröffentlicht am 8. August 2007

Außergewöhnliche Weinjahre (7)

Der letzte Teil der Serie berichtet vom Jahrgang 1811, in dem der legendäre „Kometenwein“ gekeltert wurde.

Himmel6

1811 (KM, B-J): erste Blüte am 7.Mai; am 24. Juni reife Trauben, Sommer fast ohne Regen; im August alle Trauben vollkommen reif: „Berühmtes, großartiges Weinjahr aller erster Klasse: seit 1783 wurde kein solch vortrefflicher Wein erziehlt, als wie in diesem Jahre; der Winter war sehr gelind, und ohne Eiß und Schnee schnell vorüber; das Frühjahr und mit demselben die Vegetation begann im Februar, im May waren die Weinstück in völlig Blüthe und die Trauben an Mariä Geburt völlig reif, auf Heinrich wurden die sogenannten Frühschwarzen gespendet.

(Quellen: [B-J] Friedrich von Bassermann – Jordan: Geschichte des Weinbaus 1923, [KM] Karl Müller: Geschichte des Badischen Weinbaus, 1953, [MD] Medard Barth: Der Rebbau des Elsass, 1958)

Veröffentlicht am 8. August 2007

Außergewöhnliche Weinjahre (6)

1762 (B-J): Erste Blüte 15. Mai, frühe Lese, teils Ende September. (MD): Herbstbeginn 20. September für die roten Trauben, für die weißen am 24. September.

1783 (MD): Ausgezeichneter Wein, der beste des Jahrhunderts. (B-J): Erste Blüte: 12. Mai. Im Juni und Juli immer duftige Luft und „Höhenrauch“, sodass man bei Gewittern keine Wetterwolken sieht; beständige Windstille …Früher Frühling, dann überaus heißer und trockener Sommer. Im Juni während der größten Hitze so dicher Höhenrauch, dass man nicht eine Stunde weit sehen kann, die Sonne ist blutrot 6 Wochen lang. Die Leute glauben an das Ende der Welt und stellen hie und da die Arbeit ein.

Hoehenrauch

1794 (B-J): Rebblüte am 18. Mai.

1800 (B-J): Rebblüte am 18. Mai.

(Quellen: [B-J] Friedrich von Bassermann – Jordan: Geschichte des Weinbaus 1923, [KM] Karl Müller: Geschichte des Badischen Weinbaus, 1953, [MD] Medard Barth: Der Rebbau des Elsass, 1958)

Veröffentlicht am 8. August 2007

Außergewöhnliche Weinjahre (5)

1636 (KM): Rebblüte schon am 15. Mai; frühe Lese.

1718 (B-J, KM): Winter sehr kalt, am 27.April schwere Gewitter in der Pfalz, in 13 Kirchtürmen soll der Blitz eingeschlagen haben. Im Sommer fürchterliche Hitze (in Paris 36°), 9 Monate lang trockenes Wetter, die Weisen verbrannt, alles vertrocknet, Obstbäume mehrmals blühend, im Herbst alles wieder grün. Weinlese im September, am 8.10. schon alles gekeltert, die Gutedel waren schon am 24.7. reif. (MD): Außerordentliches Weinjahr. Herbst am 1. Oktober beendet.

Himmel4

1726 (B-J, KM): sehr kalter Winter, trockener heißer Sommer. Schnee auf Ostern (21.4.), vor Pfingsten verblüht, Ende Julie reife Trauben. Der Wein war noch nach 40 Jahren sehr gesucht.

1740 (B-J): strenger Winter, Kälte bis Mitte April. Am 25. Mai fallen die Schwalben von den Dächern, weil sie keine Nahrung finden. Ende Mai noch alles kahl. Erste Blüte der Weinberg am 18. Juli (!), Trauben werden nicht reif und sind dazu am 8., 9. und 10. Okt. noch erfroren. (KM): Rebblüte erst nach Mitte Juli, Trauben am 8. Oktober am Stock erfroren; in Schaffhausen: ziemlich viel Trauben, aber am 16. September alles erfroren, kein Wein. (MD): sehr strenger und langer Winter, Reben erfroren, Trauben kamen nicht zur Reife. An vielen Orten wird gar nicht gelesen. Dem scheidenden Jahr widmet ein Jesuit von Schlettstadt die Grabinschrift:

Hier liegt im Grab das 40.ste Jahr,
Das voll der Kält und Regen war,
Bracht sauren Wein und schlecht Frucht,
Starb endlich an der Wassersucht.

(Quellen: [B-J] Friedrich von Bassermann – Jordan: Geschichte des Weinbaus 1923, [KM] Karl Müller: Geschichte des Badischen Weinbaus, 1953, [MD] Medard Barth: Der Rebbau des Elsass, 1958)

Veröffentlicht am 8. August 2007

Außergewöhnliche Weinjahre (4)

1475 (MD): sehr heisser trockener Sommer. Herbst vor dem 24.8. zu Ende

1540 (B-J): „der dürre Sommer“: so große Hitze, dass die Erde bist und man den Rhein an manchen Orten durchreiten kann. Heiß vom 22.2. an; von März an fast kein Regen. Am 5. April blühen die Reben, um Johanni (24.6.) reife Trauben. Um Batrholomäi (24.8.) beginnt die Weinlese. Da man hierbei die durch zu große Hitze vertrocknenten Trauben (Rosinen) hängen lässt und diese durch späteren Regen wieder aufquellen, herbstet man zweimal, der zweite Wein noch besser als der erste. Im Oktober zum zweitenmal Kirschen, Bäume blühen im Herbst nochmals und setzten Früchte an, die nicht mehr reif werden …
(KM): vorzüglicher Wein, früher Herbst, z.B. schon Ende Juli, allgemein am 15. August. Beeren z.B. zu Rosinen zusammengeschrumpft; am 15.8. schon neuer Wein in Villingen …

Himmel5

1634 (KM): Frühe Rebblüte um den 18.April. (B-J): Warm von Februar an, Blüte im April beginnend. Wein viel und gut, aber der Krieg verwüstet alles. Man kann nur Nachts und mit Lebensgefahr ablesen, was der Feind noch übrig gelassen. (MD): für den gesamten Abschnitt von 1632 – 1642: Krieg verhindert den Herbst. Das Elsass ruiniert.

(Quellen: [B-J] Friedrich von Bassermann – Jordan: Geschichte des Weinbaus 1923, [KM] Karl Müller: Geschichte des Badischen Weinbaus, 1953, [MD] Medard Barth: Der Rebbau des Elsass, 1958)

Veröffentlicht am 8. August 2007

Außergewöhnliche Weinjahre (3)

1343 (KM): Trauben am 8. September erfroren.

1347 (KM): Trauben am 3. September erfroren.

1420 (B-J): sehr gelinder Winter, im April Traubenblüte, im Mai große Trauben, Ende August Weinlese, in Heilbronn soll sie sogar 4 Tage nach Jacobi (=25.7.), also am 29.7. begonnen haben. (MD): frühe und gute Weinernte, am 22. Juli reife Trauben.

Himmel3

1465 (MD,KM,B-J): Reben sind schon im Mai verblüht.

1473 (B-J): sehr kalter Winter bis Fasnacht, sodass viele Weinberge erfroren, im Sommer außerordentliche Hitze, dass viele Brunnen versiegen und Flüsse (die Donau!) zu Fuß passiert werden können, im April blühen die Reben, im Juni Reife Trauben, im August Weinlese. Im Sept. und Okt. nach Regen wieder Baumblüte!!! (KM): ab 20 Juni 9 Wochen kein Regen, ungeheuere Dürre und Trockenheit, 9. August Herbstbeginn. (MD): Herbst am 24.8. beendet.

(Quellen: [B-J] Friedrich von Bassermann – Jordan: Geschichte des Weinbaus 1923, [KM] Karl Müller: Geschichte des Badischen Weinbaus, 1953, [MD] Medard Barth: Der Rebbau des Elsass, 1958)