Frankophil mit Pinot Noir und Coq au Vin
Wenn einige badische Winzer ihren Spätburgunder auf seinen französischen Namen Pinot Noir taufen, handelt es sich in der Regel um eine besonders kostbare Essenz aus dem Keller des jeweiligen Weinguts. So auch beim Pinot Noir vom Weingut Schneider aus Weil, dem ich ein Coq au Vin zur Seite stellte.
Die Weine von Susanne und Claus Schneider vom gleichnamigen Weingut in Weil am Rhein sind konsequent durchgegoren und gelangen erst nach einer für heutige Verhältnisse sehr ausgedehnten Reifezeit in den Verkauf. Das Ergebnis sind langlebige Weine abseits der gängigen Mode, immer früher abzufüllen. Den Gutedel der Schneiders habe ich bereits vor einigen Monaten an anderer Stelle gewürdigt.

Die Trauben für den 2005er Pinot Noir aus der nach Süden steil abfallenden Lage Weiler Schlipf stammen von 30-jährigen Spätburgunderreben. Deren Ertrag wurde mit 40 Litern pro Ar stark reduziert. Nach 4 Tagen Kaltmazeration kam die Gärung der handgelesenen und sorgfältig selektierten Trauben aufgrund natürlicher Hefestämme aus dem Weinberg spontan in Gang. 21 Tage dauerte die folgende Maischegärung, für ganze 24 Monate verschwand der Jungwein in kleinen Eichenholzfässern: Etwas mehr als ein Drittel davon in neuen, die verbliebene Menge in Zweit- und Drittbelegung gebrauchter Barriques. Die Flaschenfüllung erfolgte ohne vorherige Filtration.
Der 2005er Pinot Noir vom Weiler Schlipf kommt mit ordentlich Power daher. In schwarzen Tee eingelegte Rosinen (bei mir beliebt im Hühnchen-Curry), Kakao, Waldboden und Leder sind die Noten, die sich via gustatorischer, trigeminaler und olfaktorischer Wahrnehmung in meinem Gehirn zusammenbrauen. Das Holz ist perfekt eingebunden, soll heißen: keine Barrique-Aromen, die sich plump in den Vordergrund drängeln. Das kräftige Gerbstoffgerüst lässt den Pinot Noir noch jugendlich und verschlossen wirken. Erst nach stundenlanger Belüftung entfaltetet sich die Frucht und volle Eleganz des Spätburgunders. Reifepotential für die Zukunft ist somit vorhanden. Eine echte Gaumenfreude ist der Pinot noir schon in der Gegenwart. Zum Wein auf dem Tisch: Ein Coq au vin in der roten Version, vom Elsässer Poulet Label Rouge.

Ehemals unter blauem Himmel freilaufendes Federvieh, mit viel Zeit groß gezogen, rein vegetarisch ernährt. Die Nachbarn jenseits des Rheins verstehen etwas von Geflügelzucht. Es reicht der Blick in die Kühltheke. Wer weiß in Aldiland eigentlich noch um die Existenz der Perlhühner, Wachteln und Konsorten? Ein Kapaun aus der Bresse muss es ja nicht unbedingt sein.
Oh graus, denk ich an arme, mit Power-Protein-Futter gemästete Hähnchen, die eingepfercht in Fabrikhallen, ein viel zu kurzes Leben fristen. Diese High-speed-agrar-tech-Kreaturen landen als schnöde Gummiadler viel zu oft auf deutschen Tellern…

… jetzt aber schnell wieder zu den genussvollen Seiten des Lebens. Im Schmortopf vereinigen sich, nachdem das Poulet stückweise angebraten ist: Frischer Rosmarin, Thymian, Chili, Pfeffer, Kakaopulver, eine Bouteille Spätburgunder, deren Verlust nicht ganz so schmerzt. Gewürfelte Karotten, Sellerie, Champignons, zehenweise Knoblauch, ein ganzer Haufen Schalotten und ein tüchtiger Schuss Marc vom Burgunder. Im Ofen schmurgelt das leise und bei moderater Temperatur eine Stunde vor sich hin. Viola, ein frankophiles Nachtmahl begleitet den Pinot Noir par excellence!



