Gutedel mal richtig edel: Aigle les Murailles
Chasselas wird der Gutedel in der Schweiz genannt und ist dort wie im Markgräflerland die meist angebaute Weissweinrebe. Auf über 5000 Hektar werden einfache Tafelweine und manche hochfeine Grand Cru erzeugt, wie etwa im Dézaley am Genfer See oder rund um Aigle im Kanton Waadt.
Die Trauben für den 2008er Aigle les Murailles vom Weingut Henri Badoux stammen von Reben aus terrassierten Hanglagen rund um Aigle, die in Höhen zwischen 415 und 658 Metern wachsen. Der Boden ist hier von Kieseln und Schiefer durchsetzt. Der Ausbau erfolgt im Stahltank und die Malolaktische Gärung ist vollzogen. Das ist in der Schweiz beim Chasselas absolut üblich, ganz im Gegensatz zur kellertechnischen Behandlung des Gutedels im Markgräflerland.

Zur Verkostung: Aus dem Glas steigen florale Noten, etwas abgeriebene Zitronenschale, Netzmelone, Birne und Banane empor. Im Mund ist der 2008er Aigle les Murailles ungemein schmelzig und rund. Mineralischer und dichter Körper, mit delikater Fruchtsüße, ausgewogen und sehr elegant, mit enormer Länge für einen Casselas/Gutedel! Macht nach dem zweiten Glas noch nicht satt und bereitet so anhaltend genussvolle Trinkfreude.
Randbemerkung: Neben den verlässlich hohen Qualitäten trug in der Vergangenheit das ansprechende Etikett sicher einiges zur Beliebtheit des “Eidächsli Wy” bei den Eidgenossen bei. So ist der Erfolg des Aigle les Murailles für mich ein Beispiel für cleveres Marketing und das spiegelt sich in den erzielten Handelspreisen wieder. Mit rund 20.- CHF, also umgerechnet etwa 13.- €, liegt der Preis um 100% höher als bei absolutem Top-Gutedel aus dem Markgräflerland. Das liegt zum einen natürlich an den höheren Produktionskosten in der Schweiz, zum anderen aber sicher auch daran, dass Chasselas dort nicht nur als leichter Zechwein bekannt ist. Das selbst ein Gutedel hochfeiner Wein sein kann und dann Speisen wie Meeresfrüchte oder Süßwasserfisch bestens begleitet, spricht sich hierzulande leider nur langsam herum.




9. September 2009 um 13:24
Ein guter Gutedel kommt an manchen Weißburgunder heran…
9. September 2009 um 15:27
Ich denke, dass ist wie mit den Äpfeln und Birnen - und die lassen sich bekanntlich nicht vergleichen. Es ist mit ein Fehler der Punktesysteme bei Weinbewertungen, dass immer von einem Ideal ausgegangen wird, das auf Riesling, Burgunder oder Bordeaux zugeschnitten ist. Ein Gutedel kann dieses Ideal auf Grund seines Charakters natürlich nie erreichen, egal wie gelungen er ist. So müsste man eigentlich jede Weinart oder Rebsorte vom jeweiligen Ideal aus gesondert betrachten.
10. September 2009 um 12:02
Coop, Aeschenplatz Basel, gerade eben: 21 CHF
Du hast mich doch neugierig gemacht mit Deinem Artikel. Ich berichte noch…
Ist eigentlich dieser biologische Säureabbau ein Schweizer Phänomen, oder wird er an anderen Orten auch verwendet ?
10. September 2009 um 12:50
Der biologische Säureabbau (BSA) ist ein natürlicher Vorgang, der bei Rotwein und Sektgrundwein generell erwünscht ist. Die dazu notwendigen Milchsäurebakterien wohnen in jedem Keller und führen bei entsprechenden Temperaturen im Frühling automatisch zum BSA. Viele Kellermeister impfen ihre Weine mit den Bakterien, um Sicherheit und Kontrolle über den Vorgang zu haben.
Bei Weißweinen mit zu spitzer Säure oder aus dem Barrique wird er auch in Deutschland und überall in der weiten Weinwelt gewollt und vollzogen. Daher rührt manchmal die “laktische Note” in manchen Weißweinen, auch oft mit “Butter” oder “buttrig” beschrieben.
12. September 2009 um 13:38
Gerade bei Mövenpick gefunden http://tinyurl.com/lxq8o8
22,50 € für ein Gutedel, das findet man im Markgräflerland wohl eher nicht.
14. September 2009 um 12:56
Danke Lars für die Info zum BAS. Die Eidechse steht im Kühlschrank, ich berichte noch wie der “Luxus”-Gutedel auf einen Vesper-Gutedel-Trinker (mich) wirkt
22. September 2009 um 13:02
So, dieses Wochenende wars soweit die Eidechse kam aus dem Kühlschrank.
Entgegen meinen Erwartungen hat mich die Entsäuerung gar nicht schockiert. In der Vergangenheit hinterliessen Schweizer Weisse immer einen Eindruck fehlender Spritzigkeit, was bei diesem komplexeren Wein überhaupt nicht der Fall war, bzw. nicht störte.
Als Gutedel ist er zweiflesohne an der Nase zu erkennen, bei der Farbe wäre ich in Verlegenheit geraten, war sie doch etwas dunkler, gelber als bei den typischen Markgräflern.
Ungemein Spass hat sie auch gemacht zu trinken und immer wieder nachzuspüren wo der Gutdel steckt. Insofern stimme ich Lars komplett zu.
Alleine beim Nachhall war ich nicht ganz so angetan: für einen Gutedel ist er - sagen wir - länger. Für den Anspruch den der Wein erhebt, ist er nun ja - nicht so beindruckend.
Da man es häufig so mag wie man es gewohnt ist, würde ich abschliessend sagen, dass mir die Unkompliziertheit des einfachen Gutedels lieber ist. Komplexe Flaschen gibt es ja genügend