Der Koch, der Werber, seine Heidi und ihr liebster Burger
Als ich vor ein paar Tagen im Süddeutsche Zeitung Magazin Nr. 48 auf eine Anzeige des Konzerns mit dem großen gelben “M” stieß, fühlte ich mich als Teil der Zielgruppe unmittelbar angesprochen:

Heidi Klum und die Kraft der Imagination
Das teste ich, aber richtig! Unter realen Bedingungen mit echtem Wein im Glas und in Kerzenambiente. Und da es das nicht bei McDonald´s gibt, bringe ich es halt selber mit. Ohne Teller und Hut, zur feinen Gesellschaft zähle ich ja nicht.
Rund 10 Stunden vor dem ultimativen Test beendet ein Traum meine süsse Nachtruhe: Ich sitze im besagten Fastfood-Lokal und esse den Chicken Gourmet. Der Burger ist kross und saftig, die Sauce tropft nur so auf´s Plastiktablett. Ich sehe mich im Raum um und entdecke lauter mir bekannte Gesichter im Service. Ein Fastfood Restaurant mit freundlichem Tischservice! Doch da fällt mir schlagartig ein: Ich habe ja den Wein und die Kerze vergessen, verdammt! Mit großem Appetit wache ich auf, schreibe meine Erlebnisse nieder und schließe noch für ein paar unruhige Stunden die Augen.
Knappe 600 Minuten später: Ich betrete eine Filiale mit einem besonders großen gelben “M”. Der Chicken Gourmet ist auf der Karte nicht zu entdecken. Es wird doch nicht … ich frage die in Anbetracht der Mittagszeit gestresste Frau an der Kasse nach dem exklusiven Burger. Sie überlegt kurz. “Ja den gibt´s. Mit Bacon oder ohne?” Ich bestelle die Basisversion und denke: Ist der Chicken Gourmet Bückware? Auf dem Beleg stehen € 3,99 inklusive 26 Cent Mehrwertsteuer.
Zu Tisch, weg mit dem scheußlichen Plastiktablett, raus mit dem Glas, dem Wein und der Kerze! Einige Gäste an den umliegenden Tischen amüsieren sich auf Anhieb prächtig über den gebotenen Anblick. Ob der Restaurantmanager irgendwann auftaucht? Warten wir es ab. Für die richtige Stimmung entzünde ich die Kerze und fülle mein Riedelglas (für den Chicken Gourmet nur das Beste!). Der Augenblick der Wahrheit ist gekommen. Schmeckt mir der Burger so gut wie ich ihn mir zuvor erträumt habe? Guckt Heidi Klum nur für die Kamera so schmachtend auf die neueste Kreation der Bulettenschmiede? Hat sie niemals zugebissen?

Ein skeptischer Blick …

… und herzhaft zubeissen. Da guckst du!
Ganz im Gegensatz zum Fantasieprodukt aus dem Traum kommt der Burger sehr trocken daher. Das Brötchen bedeutet sicher einen Fortschritt in der Fastfood-Welt. Man ahnt sogar noch das gemahlene Getreide, aber besonders frisch wirkt es nicht. Obligatorisch ist die Panade um das fast geschmacksneutrale Huhn, das offensichtlich nicht aus Formfleisch besteht. Eine Scheibe Tomate, etwas Salat und eine an Mayonnaise erinnernde Sauce mit einem Hauch Knoblauchgeschmack sorgen für ein wenig Feuchtigkeit. Aber wo ist die Würze, der Kick?
Der Chicken Gourmet ist schlicht fad. Liebe Food Designer, warum nur so wenig Mut? Greift doch mal beherzt zu feinen Gewürzen und lasst die fischige Panade weg. Ne? Dann, liebe Werbestrategen, vergreift euch bitte nicht so leichtfertig an Begriffen wie “Gourmet” und “Feinschmecker”. Laut der freien Enzyklopädie Wikipedia ist ein Gourmet “ein sachkundiger Genießer raffinierter Speisen und Getränke”. Klar? Sonst wird das nie was mit den guten Ergebnissen bei der Pisa-Studie. Denn auch Geschmack bildet.
Der Wein zum Burger steuert dagegen zur Geschmacksbildung ordentlich was bei. Im Glas ein schönes Strohgelb. Saftig mit opulenter Frucht bei knackiger Säure, in der Nase etwas Quitte und Nektarine. Mango und Zitrusfrüchte im Mund, anständige Länge. Satte 14 % Alkohol, den der extraktreiche, fast schon ölige Wein aber bestens wegsteckt. Riesling, natürlich! In die Flasche gebracht vom bloggenden Kellermeister: Ein 2005-er “Alte Reben” vom Heidelberger Weingut Clauer.
Ach ja, im Laden mit dem besonders großen gelben “M” blieb ich vom Personal unbehelligt. Nach dem stilvollen Mahl pustete ich die Kerze aus, spülte das Glas auf der Toilette und packte alle Mitbringsel wieder ein. Dann trat ich wieder ins warme Sonnenlicht. Diesmal war es kein Traum.



